„Die DDR – das andere Deutschland? – Leben und Alltag in der DDR“

Workshop am GBE am 04. September 2018

Am 04. September bot sich unseren Schülerinnen und Schülern der Klassen 11 B und 11 D die Möglichkeit, in einem Workshop die Geschichte der DDR und das Leben im „real existierenden Sozialismus“ in den Blick zu nehmen.

Frau Dr. Laue von der Deutschen Gesellschaft e.V. mit Sitz in Berlin präsentierte der Schülergruppe sehr informativ und anschaulich wichtige Zusammenhänge und Fakten über die Deutsche Demokratische Republik. Obwohl für die Schülerinnen und Schüler längst Geschichte, gelang es der Referentin aufgrund ihrer ansprechenden und sachlich präzisen Darstellung sehr überzeugend, ihre Zuhörerschaft für diesen so wichtigen Teil unserer deutschen Geschichte inhaltlich zu motivieren, sodass sie ihr sehr konzentriert in ihren Erläuterungen folgten.

Nach einem kurzen Überblick über die Geschichte des Kalten Krieges, die Teilung Deutschlands 1949 in BRD und DDR und der Erläuterung des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems der DDR mit besonders intensivem Blick auf die innerdeutsche Grenze bzw. die Berliner Mauer, rückte Frau Dr. Laue den Fokus auf die Auswirkungen dieses Systems auf die Alltagswelt der Menschen in der DDR:

So thematisierte sie das Ministerium für Staatssicherheit als ein Herrschaftsinstrument, was den Alltag der Menschen z.T. stark bestimmte, verdeutlichte mit vielen Bildquellen das Bildungssystem der DDR. Dieses interessierte die Schülerinnen und Schüler besonders.

„Mein Arbeitsplatz ist mein Kampfplatz für den Frieden“

Mit der Arbeitswelt der Menschen in der DDR, dem daraus resultierenden Arbeitsselbstverständnis (Recht und Pflicht zur Arbeit als Element eines ideologisch definierten Arbeitsverständnisses ) und der gesellschaftlichen Rolle der Frau in ihrer ganzen Ambivalenz –einerseits gleichberechtigt, andererseits doppelbelastet durch –meist im Vergleich zu den männlichen Kollegen schlechter bezahlte- Arbeit und den Aufgaben als Hausfrau und Mutter schloss die Referentin ihre Darlegungen.

Der Workshop war denn auch eine sehr gute Vorbereitung auf den zweiten Teil des Vormittages, den Besuch eines Zeitzeugen – eines Menschen, der unseren Schülerinnen und Schülern nun hautnah berichten konnte, was es hieß, in der DDR zu leben bzw. aus ihr zu fliehen.

Zeitzeuge Wolfgang Reiche berichtete von seinem Leben in und seiner Flucht aus der DDR

Nach einem kurzen Blick in seine Vita bemerkten die Zuhörer sehr schnell, dass Herr Reiche zum Zeitpunkt seiner Flucht im gleichen Alter war wie sie selbst, was ihr Interesse am Zeitzeugenbericht erheblich steigerte.
Seine Flucht bzw. sein Leben in und außerhalb der DDR markierten dann interessanterweise drei weltgeschichtlich bedeutende Daten:

13. August 1961 – 07.Oktober 1966 – 09. November 1989

So folgten sie seinen Ausführungen über seinen ersten Fluchtversuch mit der Familie am 13. August 1961 über Berlin, der am genau zu diesem Zeitpunkt einsetzenden Bau der Berliner Mauer scheiterte. Den nächsten Fluchtversuch unternahm Herr Reiche am 07. Oktober 1966, dem Feiertag der Staatsgründung der DDR. Hierbei schilderte er sehr packend und spannend, wie es ihm schließlich mit viel Ideenreichtum und einer guten Portion Glück gelang, über den Harz zu fliehen.

Herr Reiche erläuterte dabei sein Vorgehen sehr dezidiert, legte eine Reihe von wohlüberlegten Gründen für seine Flucht dar, die von persönlichen Minderwertigkeitsgefühlen, der Suche nach Anerkennung, aber auch dem Erkennen des Widerspruchs zwischen den Werten seines Elternhauses und denen der sozialistischen Bildung in der Schule reichten: - Ein ganz normaler junger Mann, der sein Leben leben wollte, weder Widerständler war noch großartiger Kritiker an der Theorie des Sozialismus.

Nachdem er sich zunächst zu einer Flucht durch die Trave entschlossen hatte (er trainierte das Schwimmen in einem Baggersee, schmierte sich als Schutz gegen die Kälte mit Melkfett ein, das er während der schulischen Arbeitswochen auf dem Lande stibitzt hatte), kam es aber dagegen zu einer sehr spontanen Flucht über den Harz, da er in einem abgehörten Westsender erfahren hatte, dass es dort keine Minen geben sollte. Davor hatte er nämlich die meiste Angst. Dieser Teil der Erzählung war denn auch der mit Abstand spannendste, bei dem Herr Reiche seine Zuhörerschaft sichtbar in seinen Bann zog. Acht Jahr danach konnte der damals junge Mann seine Familie besuchen, da im Rahmen einer Generalamnestie für die „Republikflüchtenden“ von Seiten der DDR-Führung eine solche Reise zur Familie möglich geworden war.

25 Jahre später, am 09.November 1989, stolperte Herr Reiche dann wiederum in ein weltgeschichtliches Datum hinein. Von einer Fahrradreise entlang der Chinesischen Mauer über Moskau mit dem Zug und Fahrrad kommend, wurde er vom Jubel und der Freude über die Grenzöffnung überrascht. Das seien mit die schönsten Momente in seinem Leben gewesen – sehr gut vorstellbar angesichts dieser Vita!

Mit dem Appell an die Schülerinnen und Schüler – Macht was aus eurem Leben, seid aktiv, lebt Demokratie - schloss Herr Reiche seinen beeindruckenden Vortrag.
 
Se, 05.09.2018

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